MFS IM : In unseren Kurzanalysen geht es oft um aktuelle Entwicklungen und die unzähligen Schlagzeilen, mit denen unsere Analysten und Strategen konfrontiert sind.
Abonnieren Sie unseren kostenloser Newsletter
Von William J. Adams, Jr., CIO Global Fixed Income bei MFS Investment Management
Eines der wichtigsten Ergebnisse ist für mich, dass sich Schlagzeilen kaum prognostizieren lassen – und dass es für Anleger fast unmöglich ist, daran zu verdienen. Schlagzeilen sind spannend, aber schnelllebig. Für die Erträge sind meist die Fundamentaldaten entscheidend. Kurzfristiges Denken kann da nur schaden.
Auch die jüngsten Entwicklungen veranlassen zum kurzfristigen Denken. Man diskutiert über die russischen Pläne und Operationen, die Dauer des Krieges und die Entschlossenheit der Ukraine. Wer sich noch vor wenigen Wochen zum Coronaexperten stilisierte, gibt jetzt den Militärstrategen. Die Märkte steigen und fallen, die Volatilität nimmt zu, die Rohstoffpreise kennen kein Halten mehr, und die Notenbanken versuchen, aus all den Unbekannten das Beste zu machen, zumal eine Rezession droht.
Die Zeit vergeht, und die Märkte gehen ihren Gang. Schon spricht man wieder über Inflation und Geldpolitik, Quartalsergebnisse und die Zwischenwahlen in den USA. Die größte militärische Auseinandersetzung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, die anfangs als Wegscheide galt, scheint nur noch lokal bedeutsam und gerät allmählich in Vergessenheit.
Dabei ist das menschliche Leid noch immer groß. Kollegen von mir stammen aus der Ukraine, Russland und anderen osteuropäischen Ländern. Viele von ihnen haben Familie und Freunde in der Region. Ich weiß um die humanitäre Krise und bin mir der großen kurzfristigen Risiken durch den Krieg voll bewusst. Die menschliche Tragödie ist noch lange nicht vorbei. Unsere Sorge sollte vor allem den Menschen gelten.
Es ist äußerst schwierig, in einer solchen Lage kurzfristige Entwicklungen und die Marktrichtung zu prognostizieren. Ich glaube, dass fundamentale Langfristentwicklungen oft nicht genügend beachtet werden – obwohl sie uns noch lange erhalten bleiben. Wenn die Globalisierung Platz macht für Regionalisierung und Autarkiestreben, können Volkswirtschaften durchaus krisenfester werden. Aber das hat seinen Preis. Die Effizienz nimmt ab, die Inflation kann steigen.
Rohstoffpreisschocks und Angebotsrisiken
Die erste Reaktion auf den russischen Einmarsch hatte vor allem Konsequenzen für die Rohstoffmärkte, schnell und wie erwartet. Sanktionen und befürchtete Angebotsengpässe ließen die Preise steigen, vor allem für Energie und Lebensmittel. Mittlerweile haben sich die meisten Rohstoffe zwar wieder verbilligt, sind aber noch immer teurer als vor der Invasion. Weltweit müssen die Notenbanken jetzt die Inflation eindämmen – obwohl das Wachstum nachlässt und die weltpolitischen Risiken groß sind. Das ist eine echte Herausforderung.
Konsens ist, dass Globalisierung und Vernetzung Schaden nehmen. Wegen der damit verbundenen Lieferstörungen dürfte das die Inflation treiben. Vor allem aber gilt der Ressourcenmangel als Stabilitäts- und Sicherheitsrisiko. Viele Länder erkennen allmählich die Risiken der gegenseitigen Abhängigkeit, vor allem, wenn der Partner unberechenbar oder instabil ist.
Die naheliegende Reaktion ist ein verstärktes Autarkiestreben. Man setzt auf Redundanz und Resilienz, um sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Viele Beobachter meinen, dass die dafür nötigen Investitionen dem Wirtschaftswachstum nützen, zumindest dem kurzfristigen nominalen. Sie können aber auch zu struktureller Inflation führen. Unterdessen werden die längerfristigen Auswirkungen weniger beachtet. Vielleicht gibt der Staat mehr Geld aus, um den Aufbau von Produktionskapazitäten im eigenen Land zu fördern. Aber dadurch geraten die schon jetzt angespannten Staatsfinanzen weiter unter Druck. Auch könnten leicht Überkapazitäten entstehen, und die Lager könnten zu voll werden, zumal nationale Lösungen oft ineffizienter sind als die Beschaffung im Ausland. All das kann das reale Wirtschaftswachstum dauerhaft bremsen.
Wenn die Globalisierung Platz macht für Regionalisierung und Autarkiestreben, können Volkswirtschaften durchaus krisenfester werden. Aber das hat seinen Preis. Die Effizienz geht zurück, die Inflation kann steigen.
Marginalisiertes Russland
Auch wenn die Investoren kaum abschätzen können, wie der Krieg endet, sollte man seine langfristigen Folgen nicht außer Acht lassen. Putins Absicht scheint klar: Er möchte sein Territorium arrondieren. Die Ostukraine dient ihm als Landbrücke zur Krim und zum Schwarzen Meer.
Der Westen hat Putin eine klare Antwort gegeben und Russland aus der Weltwirtschaft weitgehend ausgeschlossen. Der Krieg hat finanzielle und wirtschaftliche Sanktionen gegen Russland ausgelöst, wie man sie lange nicht gesehen hat. Westliches Kapital hat das Land verlassen, die Aktiva verloren massiv an Wert, der Rubel ist eingebrochen, und ausländische Investoren kaufen keine russischen Anleihen und Aktien mehr.
Zweifellos steht Russland heute sehr viel isolierter und wirtschaftlich schwächer da als vor der Invasion. Viele Beobachter sehen das Land mangels Alternative schon als Juniorpartner Chinas. Tatsächlich können die Sanktionen China helfen, ein Zahlungsabwicklungssystem nach westlichem Vorbild aufzubauen. Man käme dann dem Ziel näher, den Renminbi zu einer internationalen Reservewährung zu machen. All das kann langfristige Auswirkungen auf die internationalen Devisen- und Rohstoffmärkte haben. Russland mag den Wirtschaftskrieg verlieren, aber die Kosten für die Weltwirtschaft (und für die USA, zu deren Währung es keine echte Alternative gibt) könnten enorm sein. Das kann zu einem Paradigmenwechsel führen.
Schlagzeilen sind einfach nur … Schlagzeilen. Oft sind sie aufmerksamkeitsheischende, effekthascherische Versuche, Leser zu gewinnen.
ESG
Überraschenderweise haben sich manche Investoren wegen der russischen Invasion kritisch zu ESG-Strategien geäußert. Sie verweisen auf die Mindererträge von Mandaten mit deutlichen Untergewichtungen oder gar dem Ausschluss von Energie- und Verteidigungstiteln. Der Grund hierfür ist aus unserer Sicht ein falscher Ansatz – mit schematischen Ausschlüssen statt ESG-Integration.
Meiner Meinung nach können sich ESG-Integration und die aktive Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsfaktoren im Research nur lohnen, vor allem langfristig. Ausschlusskonzepte sind hingegen zu einfach. Sie betrachten komplexe Nachhaltigkeitsthemen nach einem Schwarz-Weiß-Schema – gut oder schlecht. Wenn man sich von Wertpapieren trennt, kommen sie wieder an den Markt, ohne dass man Einfluss auf die Emittenten nehmen kann. Ich glaube, dass ein nachhaltiger Investmentansatz langfristig am erfolgreichsten ist, wenn man auf Engagement setzt. So können aktive Investmentmanager ihrer Aufgabe gerecht werden und ihre Verantwortung als aktive Anleger von Risikokapital wahrnehmen – in enger Zusammenarbeit mit den Emittenten.
Zum Abschluss möchte ich etwas wiederholen, was ich schon früher gesagt habe: Schlagzeilen sind einfach nur … Schlagzeilen. Das dürfen wir nicht vergessen. Vor allem aber dürfen wir nicht übersehen, was langfristig zählt. Bei MFS versuchen wir, Noise auszublenden und stattdessen auf einen langfristigen Investmentansatz zu setzen, um dauerhaft höhere risikoadjustierte Erträge für unsere Kunden zu erzielen.
Quelle: BondWorld.ch
Newsletter





