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BlackRock : Kalifornisches Bankenbeben

BlackRock : Dass der sonnige Westküstenstaat auf der St. Andreas-Spalte liegt und damit akut erdbebengefährdet ist, dürfte hinlänglich bekannt sein.

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Von Dr. Martin Lück , Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock


Seit letztem Donnerstag ist es hingegen ein veritables Bankenbeben, das von Kalifornien, genauer: von Santa Clara im Herzen des Silicon Valley, ausgeht. Was war passiert? Die Silicon Valley Bank (SVB), immerhin die sechzehntgrösste US-Bank und seit ihrer Gründung 1983 eng mit dem Technologiesektor der Region verbunden, war am Freitag geschlossen und unter Verwaltung der Einlagensicherungsbehörde FDIC gestellt worden. Dies alles, nachdem es ihr nicht gelungen war, mit der Einwerbung neuen Kapitals den 1,8 Mrd. Dollar grossen Verlust aus Anleiheverkäufen auszugleichen und der Aktienkurs bereits am Donnerstag um 60% gefallen war. Als daraufhin Einlagekunden binnen kürzester Zeit über 42 Mrd. Dollar, rund ein Viertel der gesamten Passivseite, abzogen und die SVB gezwungen gewesen wäre, einen grossen Teil ihres bis dato nicht zu Marktpreisen bewerteten langfristigen Anleiheportfolios (des sogenannten Hold-to-Maturity Portfolios) zu verkaufen, um diese Einlagen auszuzahlen, war das Ende des Instituts besiegelt.

Die Frage ist jetzt, wie so etwas passieren konnte. Und, noch viel wichtiger, was es für den Finanzsektor als Ganzes bedeutet. Droht eine neue globale Finanzkrise? Um die Antwort auf die drängende letztere Frage vorwegzunehmen: eigentlich nicht. Aber wir wissen, dass genau dieses eine Wort – eigentlich – schon oft durch die Realität widerlegt worden ist. Also der Reihe nach. Passieren konnte die SVB-Krise, weil die Bank vor allem in den Pandemiejahren 2020 und 21, als Fed und Treasury die Zinsen auf null drückten und gigantische Liquiditätsmengen in die US-Wirtschaft pumpten, mit Einlagen ihrer wichtigsten Kunden geradezu überschwemmt wurde. Diese Kunden, oft Venture Capital-finanzierte Tech-Firmen, verfügten nämlich bereits über hohe Cash-Bestände, nahmen aber die Fed-Subventionen gern mit, wodurch sich die Einlagen bei der SVB im Zeitraum 2019-21 rund verdreifachten. Anstatt diesen enormen Einlagenzufluss in möglicherweise überriskante Kredite zu investieren (die zudem der überwiegende Teil ihrer Tech-Kunden gar nicht brauchte), investierte die Bank die Einlagen in länger laufende Staatsanleihen, Pfandbriefe und andere vermeintlich sichere Anlagen. Als aber infolge der restriktiveren Fed-Geldpolitik der Zustrom an Liquidität abzuebben begann und zudem Tech-Unternehmen Einlagen abzogen, um sie woanders ertragreicher unterzubringen, sah sich die SVB gezwungen, Anleihen zu verkaufen – wegen der stark gestiegenen Zinsen mit erheblichen Kursverlusten. Nach den massiven Einlageabflüssen der letzten Woche hätten die kürzer laufenden und jederzeit verkäuflichen Anleihen (sogenannte Available-for-Sale Anleihen) nicht mehr ausgereicht, um Kunden auszahlen zu können. Verkäufe aus dem Hold-to-Maturity Portfolio aber hätten eine Neubewertung (mark-to-market) dieses Portfolios bedeutet. Genau dies hat den Untergang des Instituts ausgelöst.

In den Erklärungsgründen für die SVB-Pleite liegen also auch erste Antworten auf die Frage, ob dies der Auslöser einer neuen globalen Finanzkrise sein könnte. Und die wahrscheinliche Antwort, das ‚eigentlich nicht‘, begründet sich zum ersten in den Besonderheiten der SVB-Bilanz. So lag der Anteil „typischer“ Kundeneinlagen, also solcher von Haushalten und eher kleinen Firmen, bei weniger als 10% der Bilanzsumme, verglichen mit Grössenordnungen über 40% bei anderen US-Banken und noch höheren Quoten in Europa. Zweitens betrug der Anteil des mit einer Duration von im Schnitt fast 6,5 Jahren sehr langfristig investierten Hold-to-Maturity Portfolios bei SVB über 80%, was extrem viel ist. Andere US-Grossbanken kommen maximal auf Werte um 50%, für europäische Institute ist 30% schon ein hoher Wert. Und schliesslich, drittens, galten für die SVB keine Liquiditätsdeckungsanforderungen, wie sie etwa im Rahmen des Basel III-Regulierungswerkes für europäische Banken gelten. Dies mag angesichts der Grösse der Bank überraschen und führt zur Schlussfolgerung, dass grosse regionale US-Banken, die ebenfalls derartigen Liquiditätsanforderungen (Liquidity Coverage Ratio – LCR) nicht unterliegen, unter Druck geraten könnten. Dies war im Gefolge der SVB-Kernschmelze bereits bei der in New York beheimateten und inzwischen geschlossenen Signature Bank, zu Wochenbeginn auch bei der First Republic-Bank in San Francisco zu beobachten. Anders stellt sich die Situation für europäische Banken dar, deren Bilanzstruktur anders und deren regulatorische Absicherung besser sein dürfte.

Warum also ist die Gefahr einer systemischen Krise nur ‚eigentlich‘ gering? Die Antwort liegt in dem Asset, mit dem Banken handeln: Vertrauen. Wenn dieses Vertrauen schwindet und Anleger schlagartig die Liquidität abziehen, die sie Banken in verschiedensten Formen zur Verfügung gestellt haben, sind Ansteckungseffekte nie ganz auszuschliessen. Der massive Kursrutsch bei europäischen Bankaktien infolge der SVB-Krise verdeutlicht diese Anfälligkeit.

Was machen die Notenbanken aus dem SVB-Debakel?

Noch in der vergangenen Woche hatte die Rede von Fed-Chairman Jerome Powell im Kongress Anlass zur Befürchtung gegeben, die Notenbank könne die Zinsen stärker und länger anheben als bisher erwartet. Die im Markt eingepreisten Erwartungen für den höchsten Punkt der Fed Funds Target Rate sprangen in kürzester Zeit um über einen halben Prozentpunkt nach oben, auf über 5,6%. Nach dem SVB-Debakel der zweiten Wochenhälfte gingen sie zum Wochenbeginn um 45 Basispunkte, also auf 5,15% wieder herunter. Aus heutiger Sicht ist jetzt zu erwarten, dass die Fed beim nächsten Zinstermin doch nur um 25 Basispunkte erhöht, nachdem sich die Wahrscheinlichkeit für einen 50-Basispunkteschritt nach Powells Kongressansprache noch auf über 75% erhöht hatte. Allerdings dürfte die Fed über die nächsten Tage die Entwicklung, vor allem eventuelle Ansteckungsrisiken im Finanzsektor, extrem eng verfolgen. Sollte sich (was zugegebenermassen derzeit nicht so aussieht) die SVB-Krise als Sturm im Wasserglas herausstellen, könnte doch eine Rückbesinnung Richtung stärkerer Straffung, also 50 Basispunkte am 22. März, die Folge sein. Auch die heute Mittag zur Veröffentlichung anstehenden Inflationsdaten (erwartet werden 6,0% nach 6,4% im Vormonat) dürften hier einigen Einfluss haben. Ähnliches gilt für die EZB: Die Notenbank dürfte in den nächsten Tagen versuchen, die Ansteckungsgefahr für europäische Banken einzuschätzen und zumindest in Alarmbereitschaft bleiben, um ihrem ansonsten in Stein gemeisselten Zinsschritt von 50 Basispunkten am Donnerstag in Frage zu stellen. Sicher scheint, dass uns volatile Tage ins Haus stehen.

Quelle: AdvisorWorld.ch


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