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Allianz GI : Bullen-Markt?

Allianz GI : Gibt es gute Gründe für Optimismus oder werden zu viele Illusionen gehandelt?

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Von Thomas Tilse  Allianz GI


Man reibt sich die Augen. Auf der langen Liste potenzieller Risiken blinken in fast täglichem Wechsel immer wieder andere mit neuer Intensität auf. Die Bandbreite reicht von der US-Budget Diskussion bis zu OPEC-Entscheidungen, Schwächen im verarbeitenden Sektor in China und Europa und einer schwelenden Krise im US-Bankensektor. Doch der amerikanische Aktienmarkt meldet nach technischen Kriterien den Beginn eines neues Bullmarktes im breiten S&P 500 Index. Auch der der für den deutschen Aktienmarkt so wichtige Dax hält sich erstaunlich stabil bei um die 16.000 Indexpunkten. Leidet der Markt also an umfangreichen Verdrängungsmechanismen? Werden die immer noch starken Rezessionsbefürchtungen vieler Ökonomen auf die leichte Schulter genommen? Oder gibt es neue Kräfte im Untergrund, die tatsächlich eine neue Ära einläuten?

Die Antwort ist vielschichtig. Dennoch lohnt es sich, einen Blick auf mögliche neue Aspekte zu werfen. Da ist zuerst die restriktive Politik der Zentralbanken zu erwähnen. Die amerikanische Zentralbank erhöhte im letzten Jahr in Rekordgeschwindigkeit die Leitzinsen. Noch nie in der Nachkriegsgeschichte gab es einen so dynamischen Anstieg in so kurzer Zeit. Zweistellige Inflationsraten bildeten die Basis für diese restriktiven Maßnahmen. Andere Zentralbanken weltweit zogen nach. In der Kombination steigender Leitzinsen, Krieg und Inflation machten sich Furcht und Volatilität breit. Denn eine solche geballte Kombination von Faktoren hat in der Vergangenheit immer zu rezessiven Tendenzen und ‚Unfällen‘ im Finanzsektor geführt.

Hier liegt möglicherweise der erste Grund für die positive Überraschung an den Märkten: Erleichterung und Verwunderung darüber, dass die Inflationsraten fallen, die Gaspreise ihre Übertreibungen abgebaut haben, und sich das Wachstum als erstaunlich resilient erweist. Offenbar haben die vielen Krisenwarnungen bewirkt, dass sich die Wirtschaftssubjekte auf Belastungen eingestellt haben und vorbeugen. Allen voran sind die hohen fiskalischen Ausgabenprogramme der Regierungen zu nennen, die weltweit nahezu im Gleichklang Milliarden für Infrastrukturprogramme und Subventionen ausgeben. Zudem haben Konsumenten in den USA offenbar noch Puffer aus den Ersparnissen während der CoronaZeit und bleiben in Ausgabelaune.

Dies führt uns zum zweiten Grund für die Entwicklung: stabile Arbeitsmärkte weltweit. Hohe Zinsen und eine inverse Zinsstruktur machen Teilen des Finanzsektors zu schaffen, beeinträchtigen jedoch noch nicht in starkem Maße den Arbeitsmarkt, dies stabilisiert die Volkswirtschaften in den USA und Europa. Was wiederum zum dritten wesentlichen Faktor führt: Die ungewöhnliche und intensive Abfolge von Krisen: aus der größten Infektionswelle weltweit in den Ukraine Krieg, und dann direkt in die höchste Inflationsphase seit der Ölkrise in den Siebzigern. Diese Krisen haben ungeahnte Energien in der Bewältigung freigesetzt und eine hohe Konfidenz in die Resilienz geschaffen. Womit der vierte Grund erkennbar wird: Staatliche Institutionen weltweit haben seit der Finanzkrise durch alle Krisen hindurch und nahezu ununterbrochen ein beispielloses Kriseninstrumentarium eingesetzt, dass weder in der Art der Instrumente noch in der Höhe der Beträge bisher vorstellbar war. Dabei oft entscheidend ist die Einigkeit von Regierungen und Zentralbanken weltweit. Die Bandbreite reicht von Nullzinspolitik, „Quantitative Easing“ („QE“, quantitative Lockerungen der Geldpolitik), über Covid-Hilfen bis zu Rekord-Rüstungsausgaben und last but not least schnelle Zinsanstiege zur Inflationsbekämpfung. Zumindest bis zum aktuellen Rand hat dies die Lage in den wichtigsten Industrienationen massiv stabilisiert.

Bleibt der fünfte Grund: In hohem Maße anpassungsfähige Unternehmen. Die Berichterstattung für das erste Quartal dieses Jahres hat eine erstaunliche Stärke der Umsätze und Gewinne börsennotierter Unternehmen offenbart. Offensichtlich schaffen es viele Unternehmen von der Inflation zu profitieren, Kosten zu senken und / oder staatliche Subventionen in die richtigen Wege zu lenken. Die Gewinnschätzungen für die Unternehmensgewinne im Durchschnitt ziehen wieder an.

Damit lohnt sich ein Blick auf Grund Nummer sechs: die Innovationswelle in vielen Branchen scheint ungebrochen. Dies reicht von der vieldiskutierten künstlichen Intelligenz, über neue gentechnologisch hergestellte Medikamente bis hin zur Elektromobilität und dem ökologischen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft.

Können Aktien also weiter steigen? In der Beurteilung dieser Frage wird der siebte Grund entscheidend sein: Die Dynamik der Verstärkereffekte. Denn das herausragende Merkmal der aktuellen Entwicklung ist, dass aus der Vielzahl der Faktoren ein enormer Druck auf die Wirtschaftssubjekte entstanden ist. Investitionen und Innovationen müssen schnell und effizient umgesetzt werden. Kann das funktionieren? Die Aktienmärkte aktuell bejahen das. Doch natürlich müssen Rückschläge einkalkuliert werden, eine Rezession ist immer noch wahrscheinlich, denn die Nachwirkungen der höheren Zinsen werden noch spürbarer werden.

Die Woche voraus 

Nach einer von der Federal Reserve Bank (Fed) und der Europäischen Zentralbank (EZB) geprägten Woche sind in der kommenden Woche weniger Impulse seitens der gesamtwirtschaftlichen Veröffentlichungen zu erwarten. Allerdings gibt es Ende der neuen Woche neue Erkenntnisse zu den Einkaufsmanagerindizes in Europa und den USA. Wichtig ist dabei, ob der verarbeitende Sektor sich stabilisiert. Davor dürfte der Fokus am Dienstag auf den Häusermarkt in den USA und den dortigen Arbeitsmarktzahlen liegen.

Quelle: BondWorld.ch


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