Allianz GI : Folgt man den Aktienmärkten, kann schnell der Eindruck entstehen, diese seien geradezu tiefenentspannt.
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Dr. Hans-Jörg Naumer Director Global Capital Markets & Thematic Research
Nicht nur der Start ins neue Jahr war in den wichtigsten Segmenten fast schon überschwänglich. In einigen Märkten wurden sogar die Niveaus von vor dem Krieg gegen die Ukraine wieder eingenommen. Die Anlegerstimmung, gemessen am Sentix1, drehte für die großen Regionen der Welt nach oben. Besonders die Zukunftserwartungen haben zuletzt merklich zugelegt. Bei den USamerikanischen Privatanlegern überwiegen, nach Umfragen von Investors Intelligence, die „Bullen“. Trend steigend. Die Netto-Short-Positionen auf den S&P 500 nehmen immer weiter ab, was bedeutet, dass die Anleger weniger Absicherungspositionen einnehmen. Bei den weltweiten Anfragen auf Google trendet der Begriff „bull market“ – es scheint Bullenmarktstimmung zu sein.
Die – eher kurzfristig zu sehende – technische Verfassung ist solide. Bei einigen der führenden Aktienmärkte liegen die Indizes stabil über der 30 bzw. 200-Tageslinie. Die Relative-Stärke-Indikatoren (Relative-Strength-Indicators) zeigen nur partiell etwas Verspannung an. Von Seiten der Rohstoffpreise kommen doppelbödige Signale. Diese gaben, gemessen am Bloomberg Rohstoff-Index, weiter nach. Vor allem der Rohölpreis ging im Trend weiter zurück. Der Schock des Angriffs auf die Ukraine und die damit verbundenen Gas-Engpässe lassen nach, je besser die Gaslager gefüllt und neue Lieferanten als Ersatz für russische Lieferungen gefunden werden. Ein guter Indikator für den nachlassenden Druck ist der weitere Rückgang des Preiszuschlags von in Europa gegenüber in den USA gehandeltem Gas. Da es (noch) keinen Weltmarktpreis für Erdgas gibt, zeigen sich hier kontinentale Verwerfungen besonders gut. In jüngerer Zeit dürften die Rückgänge bei den Energiepreisen aber auch mit aufkommenden Konjunktursorgen zusammenhängen, die weniger Rohstoffnachfrage erwarten lassen.
Was bei der guten Stimmung allerdings zu kurz kommt, ist die Tatsache, dass die Gewinnerwartungen der Analysten immer weiter zurückgenommen wurden. Eine Trendwende ist noch nicht absehbar. Auch der Komposit-Indikator für systemischen Stress („Composite Systemic Stress Index – CISS“) der Europäischen Zentralbank (EZB) ist seit geraumer Zeit für die Euro-Mitgliedsländer im Steigen begriffen. Selbiges gilt für den „Financial Stress Index“ der Federal Reserve Bank von St. Louis. Eine Entwicklung, die auch im Kontext der restriktiveren Geldpolitik zu sehen ist. Beim Blick unter die Oberfläche trägt die Tiefenentspannung also nicht besonders weit.
Die Woche voraus
Umso wichtiger wird es in der kommenden Woche, dass diese scheinbare Tiefenentspannung, die sich aus der Hoffnung abzuleiten scheint, der Weg zurück ins Wachstum gelänge ausbalanciert mit nachlassendem Preis- und Handlungsdruck für die Zentralbanken, Bestätigung findet. Der Datenkalender wird dabei von den nach vorne weisenden Sentiment-Indikatoren dominiert. Den Auftakt bilden das Verbrauchervertrauen (Montag) und die (Flash-)Einkaufsmanagerindizes2 für das verarbeitende Gewerbe für die Eurozone und die USA (beide Dienstag). Alle drei zeigten zuletzt Stimmungsaufhellungen an, was beim Einkaufsmanagerindex der Jibun Bank für Japan (ebenfalls Dienstag) noch nicht zu erkennen war. Am Mittwoch sollte dann das ifo-Geschäftsklima für Deutschland im Mittelpunkt des Interesses stehen. Während sich die Lagebeurteilung zuletzt leicht abschwächte, setzte die Erwartungskomponente ihre Erholung fort. Am Donnerstag stehen dann der Aktivitätsindex der Universität von Chicago sowie die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe für die USA an. Der Aktivitätsindex schwächte sich über Herbst und Winter hin ab, und kam mit seinem letzten Wert kaum von der Stelle. Die Erstanträge sollten unverändert auf einen angespannten Arbeitsmarkt hinweisen. Bei dem vielbeachteten Deflator für die persönlichen Konsumausgaben („Personal Consumption Expenditure – PCE“) bleibt abzuwarten, inwieweit hiervon Entspannungssignale mit Blick auf den weiteren Kurs der Federal Reserve Bank (Fed) ausgehen.
Quelle: BondWorld.ch
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