BlackRock: Der drastische Einbruch europäischer Aktienkurse in der letzten Woche hat deutlich gemacht, dass der alte Kontinent vom Krieg in der Ukraine wesentlich stärker betroffen sein dürfte als andere Teile der Welt.
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BlackRock Aktueller Blick auf die Märkte
Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock
Der drastische Einbruch europäischer Aktienkurse in der letzten Woche hat deutlich gemacht, dass der alte Kontinent vom Krieg in der Ukraine wesentlich stärker betroffen sein dürfte als andere Teile der Welt. Die Aggression des russischen Präsidenten schafft ein deutlich verändertes globales, vor allem aber europäisches Umfeld. Es ist ein düsteres, und für Anleger in vielerlei Hinsicht die schlechteste aller Welten. Denn längst frisst sich der Krieg hinein in das Makro-Bild. Über mindestens drei Kanäle schädigt er das Wachstum:
Erstens steigen die Energiepreise weiter massiv an. In der vergangenen Woche allein schoss der Ölpreis um über 20% nach oben. Auch Gas hat sich drastisch verteuert. Besonders stark dürfte hiervon Deutschland betroffen sein, wo die Abhängigkeit von russischem Gas (55% des Gesamtverbrauchs) und Öl (über 35%) auch Steinkohle (über 50%) betrifft. Gerade für den Fall, dass die Sanktionen nochmals verschärft werden (etwa durch Importbeschränkungen für russische Energielieferungen in die EU oder eine Ausweitung des SWIFT-Ausschlusses auf die Gazprom-Bank, über die bisher noch die Bezahlung von Energierechnungen läuft), dürften weitere Preissprünge vorgezeichnet sein. Verbraucher dürften die hohen Preise drastisch spüren, zumal die während der Corona-Pandemie gebildeten Überersparnisse zusehends abschmelzen. Steigende Ausgaben für Energie werden somit Nachfrage in anderen Teilen des Warenkorbes schmälern, zumal in Kriegszeiten der Zukunftsoptimismus der Haushalte und damit ein wichtiger Treiber der Konsumstimmung sich eintrüben dürfte. Ähnlich sieht es auf der Unternehmensseite aus, denn anders als über mehrere Quartale während des Neustarts können Unternehmen steigende Inputkosten (etwa Energiepreise) nicht mehr so einfach auf ihre Kunden abwälzen. Schrumpfende Margen und in der Folge schwächere Gewinnentwicklung sowie geringere Investitionsbereitschaft dürften die Folgen sein.
Zweitens drohen erneute Knappheiten an Rohstoffen. Nachdem die pandemiebedingten Lieferkettenprobleme sich gerade zu lösen begannen bzw. weitgehend überwunden schienen (so etwa bei Halbleitern), drohen jetzt neue Engpässe. Während Russland 35% des globalen Palladiums und immerhin 14% des Platins liefert (beide Metalle werden für Autokatalysatoren benötigt), ist die Ukraine einer der weltweiten Hauptlieferanten für Kabelbäume. Knappheiten in der Autoindustrie sind also programmiert. Zusätzlich lieferte die Ukraine bis zum Krieg rund 50% des globalen Output an Neongas, welches für die Fertigung von High End-Halbleitern verwendet wird. Ähnliches gilt für Krypton (Anteil der Ukraine am globalen Output rund 40%) in der Chip-Produktion. Hier droht also ein Deja-vu bei Knappheiten an Halbleitern und elektronischen Bauteilen, nur diesmal nicht pandemie-, sondern kriegsbedingt. Auch diese Engpässe dürften, das haben wir erst kürzlich gelernt, das Wachstum spürbar dämpfen.
Drittens schliesslich ist ein menschenverachtender Vernichtungskrieg mitten in Europa nicht gerade ein Szenario, welches Konsum- und Investitionsneigung stützt. Zurückhaltende Nachfrage seitens Verbrauchern und Unternehmen dürfte überwiegen und zur Schwächung der Wirtschaftsaktivität beitragen. Nimmt man die beschriebenen Wirkungsketten zusammen und unterstellt zudem, dass sich die Pandemielage nicht so schnell bessert wie erhofft (die Inzidenz bei Neuinfektionen bleibt sehr hoch, inzwischen ist zudem von einer Covid-„Sommerwelle“ die Rede), dann scheint eine drastische Wachstumsverlangsamung in Europa wahrscheinlich und sogar eine Rezession nicht auszuschliessen.
EZB zwischen den Stühlen und Hoffnung auf Asien
Die EZB wird vermutlich anlässlich ihrer Ratssitzung übermorgen trotz einer Inflationsrate von aktuell 5,4% die Zinsen unverändert lassen. Der Verweis auf die preistreibenden Effekte des Krieges dürfte ihr die Argumentation erleichtern, zumal gleichzeitig zu erwarten steht, dass die neuen Schätzungen der EZB-Volkswirte ein trüberes Wachstumsbild zeichnen werden als noch im Dezember. Die EZB wird also einerseits betonen müssen, der Wirtschaft im Falle schwachen Wachstums beizustehen, andererseits ein waches Auge auf das Preisniveau und vor allem die Inflationserwartungen haben.
Angesichts veritabler Rezessionsgefahren und eines schrecklichen Krieges in Europa ruht Hoffnung auf anderen Teilen der Welt, manche davon auch im autokratischen Lager zu finden. So könnten etwa in Asien wachstumsfördernde Massnahmen beschlossen werden, die auch Europa helfen. Andererseits könnte das eine oder andere aussereuropäische Land (insbesondere solche, die angesichts westlicher Sanktionen jetzt für Russland besonders wichtig sind) Einfluss auf die Entscheidungen des russischen Präsidenten nehmen könnten, auch wenn es derzeit nicht so aussieht. Die Hoffnung – auch hierauf – stirbt jedenfalls zuletzt.
Quelle: AdvisorWorld.ch
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