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BlackRock : Finanzmärkte wie Flipperautomaten

BlackRock : Im Vereinsheim meines Fussballvereins in den 70er Jahren stand ein Flipperautomat, ein pausenlos blinkendes, bimmelndes Ungetüm.

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Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock


Ziel war es, mit Knöpfen an der Seite des Geräts die „Flipper“ so zu bedienen, dass eine Metallkugel erstens im Spiel gehalten (der Spieltisch war geneigt, somit rollte die Kugel stets abwärts) und zweitens nach oben geschossen wurde, um möglichst viele Punkte zu erzielen. Ich war für dieses Spiel nie cool genug, denn man brauchte Nerven, um die Kugel mit den zappeligen Flippern aufzufangen und dann im richtigen Moment nach oben zu befördern. Derzeit verhalten sich die Finanzmärkte ähnlich. Nur denjenigen, die abgebrüht genug sind, auf den richtigen Moment zu warten, bieten sich günstige Einstiegsmomente, während die Übereifrigen, die ungeduldig mit den Füssen scharren, ihre Flipper ins Leere schiessen und die Kugel nach unten rollen lassen. In der vergangenen Woche fand wieder ein Paradebeispiel der zur Makrolage passenden Logik des „Bad news is good news“ statt: Deuteten zu Wochenbeginn noch schwache ISM-Beschäftigungszahlen und JOLTS-Statistiken darauf hin, dass der US-Arbeitsmarkt zu schwächeln beginnen und die Fed damit zum ersehnten „Pivot“, also nachlassender monetärer Straffung verleiten könnte, wurde diese Hoffnung in der zweiten Wochenhälfte kassiert. Spätestens der Arbeitsmarktbericht, der nach wie vor sehr robuste Zahlen zur Jobsituation in den USA lieferte, darunter wieder sinkende Arbeitslosen- und Partizipationsquoten, ernüchterte viele allzu risikobereite Anleger. Der S&P 500, der bis Dienstag noch um über 5% im Plus gelegen hatte, ging am Freitagabend mit einem Wochengewinn von nur noch 1,5% aus dem Handel.

Derart enttäuschende Wochenperformances erinnern uns daran, dass wir uns nicht in einem klassischen Konjunkturzyklus befinden. Verläufe von Risiko und Ertrag werden nicht vom Auf und Ab ökonomischer Aktivität bestimmt, sondern vor allem von strukturellen Faktoren. Hierzu zählen neben den Nachwirkungen der Pandemie vor allem Russlands Überfall auf die Ukraine und dessen Folgen, aber auch eher fundamentale Verschiebungen in der geopolitischen Gemengelage. Und um es noch komplizierter zu machen, sind diese strukturellen Faktoren auch noch miteinander verwoben. So wird mit Energiepreisen derzeit ganz offen versucht, politische Macht auszuüben, Allianzen zu stärken und dem Gegner zu schaden. Zwei Beispiele. Erstens: Die OPEC+, also die OPEC-Länder mit Saudi-Arabien an der Spitze im Schulterschluss mit Russland, haben beschlossen, die Ölförderung um zwei Millionen Fässer pro Tag zu reduzieren und damit allein in der vergangenen Woche den Preis um 11% nach oben getrieben. Damit nimmt die Gruppe ganz gezielt Einfluss auf die Kongresswahlen in den USA am 8. November, denn steigende Ölpreisinflation ist das letzte, was die Demokraten um Präsident Biden derzeit gebrauchen können. Zweites Beispiel: Gerade Russland verspricht sich von steigenden Energiepreisen ein Nachlassen der westlichen Solidarität mit der Ukraine und vermutlich darüber hinaus eine Destabilisierung des sozialen Friedens. Wie sich am Wochenende bei der Landtagswahl in Niedersachsen gezeigt hat, wirkt der soziale Sprengsatz der Energiepreise bereits, und das trotz staatlicher Massnahmen wie Preisdeckelung und Ausgleichszahlungen. Der Protestzulauf zum rechtspopulistischen Lager in Niedersachsen zeigt, wie gefährlich ein kalter Winter mit hohen Gas,- Öl- und Strompreisen für unsere Demokratien sein kann.

Noch ist goldener Oktober. Wird es bald kalt an den Märkten?

Die Erfolge der ukrainischen Streitkräfte bei der Befreiung grosser Gebiete zwischen Charkiw und dem Donbass und die de facto-Bankrotterklärung des Putin-Regimes in Gestalt der Mobilmachung sollten keineswegs zu voreiligem Optimismus verleiten. Die Ukraine hat – leider – noch lange nicht gewonnen, und bis auf weiteres dürfte die Aussicht auf schwere russische Verluste die Gefahr einer Eskalation eher wachsen lassen. Wer auch immer für die Explosion auf der Kertsch-Brücke verantwortlich ist, wird sich darüber klar gewesen sein, dass mit der Schwächung, welche der Vorfall für den russischen Nachschub bedeutet, auch weiter an der Eskalationsspirale gedreht wurde. Aus Investorensicht bedeutet dies, dass im nun bald beginnenden Winter, der in der Region oft sehr kalt ist, die Kampfhandlungen zwar abflauen könnten, dies aber vermutlich mit der Chance für die geschwächte russische Armee, Soldaten und Material aufzufüllen. Zudem dürfte Russland weiter versuchen, die Energieversorgung der Ukraine so weit wie möglich lahmzulegen, um die Bevölkerung zu zermürben und den Widerstand der ukrainischen Armee zu brechen. Mit anderen Worten: Vermutlich wird der Krieg um die Ukraine, das eklatanteste Menschheitsverbrechen unserer Zeit, noch schlimmer, bevor es besser wird. Die Finanzmärkte scheinen dies in ihrer gut eingeübten Fixierung auf vermeintlich günstige Bewertungen und das Schielen auf günstige Einstiegspunkte bisher anders zu sehen. Sobald aber absehbar wird, mit welch zynischer Effizienz die Kälte des Winters die Karten neu mischen könnte, dürfte es auch an den Märkten selbst ohne russische Nuklearwaffen deutlich ungemütlicher werden. Ein Szenario, in dem „Mean Reversion“, also die Rückkehr zu einer Art neuer Normalität winkt, sieht wahrlich anders aus.

Quelle: AdvisorWorld.ch


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