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DWS Focus on: Ein Jahr Krieg in der Ukraine

DWS : Ein Jahr Krieg in der Ukraine. Nicht nur der Krieg sollte an den Aktienmärkten zur Vorsicht mahnen.


Von Marcus Poppe, Co-Head of European Equities DWS


Morgen ist der Jahrestag des russischen Einmarsches in der Ukraine. Doch an den Börsen spielt der Krieg keine Rolle mehr, trotz des unermesslichen Leids für Soldaten und Zivilisten beider Konfliktparteien. Immerhin ist das Problem einer möglicherweise zusammenbrechenden Rohstoffversorgung in Europa weitgehend gelöst. Eine russische Frühjahrsoffensive könnte aber schnell eine neue Situation schaffen. Und nicht nur diese Risikoprämie, die in den Kursen völlig fehlt, sollte die Anleger zur Vorsicht mahnen. Denn Inflation und Zinsen dürften hoch bleiben, während gleichzeitig die Gewinne und Bewertungen weitgehend ausgereizt scheinen. „Anleger sollten daher nicht davon ausgehen, dass sich die Aktienrally der vergangenen Wochen in gleicher Form fortsetzt“, sagt Marcus Poppe, Co-Head of European Equities bei der DWS. Langfristig orientierte Anleger sollten sich nicht abschrecken lassen, sondern angesichts der in naher Zukunft zu erwartenden höheren Zinsen etwas mehr auf die Qualität der Bilanzen achten.

– Der russische Einmarsch in der Ukraine hat die wirtschaftliche Entwicklung in vielen Ländern deutlich gebremst. Dennoch ist der Einbruch sowohl im gemeinsamen Währungsraum als auch in Russland moderater ausgefallen als zunächst angenommen. Deutschland beispielsweise ist meilenweit von den minus 9,4 Prozent entfernt, die das Prognos-Institut im Sommer erwartet hatte. „Dazu hat sicherlich beigetragen, dass sich die Finanzpolitik wegen der Coronavirus-Pandemie ohnehin noch im Krisenmodus befand und deshalb noch dabei war, Rettungspakete zu schnüren“, sagt Poppe.

– Aber nicht nur die europäischen Volkswirtschaften, sondern auch die europäischen Unternehmen sind bisher relativ unbeschadet davongekommen. In dieser Hinsicht hat der Zeitpunkt der russischen Invasion eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. Nach der Coronavirus-Krise zog die Nachfrage an, aber die Industrie hatte mit Schwierigkeiten in der Lieferkette zu kämpfen und konnte die Nachfrage in vielen Bereichen überhaupt nicht bedienen. Die Auftragsbücher waren also gut gefüllt, und die Unternehmen hatten allen Grund, die Produktion trotz der mit dem Krieg verbundenen Unsicherheiten aufrechtzuerhalten. Auf die Gewinn- und Verlustrechnungen hat sich der Konflikt daher noch nicht gravierend ausgewirkt.

– An den Kapitalmärkten war das übliche Muster zu beobachten: Angesichts des geopolitischen Schocks wurde zunächst eine Risikoprämie eingepreist, diesmal vor allem für europäische Vermögenswerte und die Gemeinschaftswährung aufgrund der geografischen Nähe zum Kriegsschauplatz und der hohen Abhängigkeit von russischer Energie. Als sich im Laufe des letzten Jahres immer deutlicher abzeichnete, dass das befürchtete Katastrophenszenario für Wirtschaft und Unternehmen nicht eintreten würde, begann die Risikoprämie – begleitet von einer deutlichen Aufhellung der Stimmungsindikatoren – zu erodieren und damit die Unterbewertung gegenüber dem US-Markt abzubauen.

– Längerfristig zählen jedoch die absoluten Werte und nicht der Vergleich mit niedrigen Erwartungen. Und auch wenn der Einmarsch Russlands in der Ukraine nicht die anfangs befürchteten katastrophalen wirtschaftlichen Auswirkungen hatte, bleibt eine deutlich restriktivere Geldpolitik der Zentralbanken weltweit bestehen. Und die wird uns angesichts der hartnäckigen Inflation wohl noch eine ganze Weile begleiten. Allerdings spielen die Marktteilnehmer derzeit das Szenario einer weiterhin nicht einbrechenden Wirtschaft, einer sich abschwächenden Inflation und damit wieder sinkender Zinsen. Kurzum: eine Goldlöckchen-Konjunktur, in der die Bewertungsniveaus wieder wie früher steigen können.

– Weitaus realistischer ist jedoch die Prognose, dass bei unveränderter Wirtschaftsdynamik die Zinsen hoch bleiben müssen, um die Inflation wirksam zu bekämpfen. Vor diesem Hintergrund wäre das Bewertungsniveau in Europa nach der Aufwärtsbewegung der letzten Wochen weitgehend erschöpft. Für die USA würde dies dann erst recht gelten. „Und wenn es einen Wendepunkt für den Aktienmarkt gegeben hat, dann den, dass die immer weiter fallenden Anleiherenditen und damit die immer weiter steigenden Bewertungsniveaus zumindest vorerst passé sind“, so Poppe.

– Auch bei den Gewinnen – denen die Kurse langfristig immer folgen – dürfte der Spielraum nach oben begrenzt sein. Bislang sind die Schätzungen seit dem Höchststand nur um etwa fünf Prozent gesunken, doch sollte sich die Krise irgendwann manifestieren, könnten die Gewinne erheblich unter Druck geraten. Sollte sich das alte Muster fortsetzen, dürfte ein gedämpftes Wachstum in Verbindung mit einer starken Inflation und hohen Zinsen einen starken Anstieg verhindern.

– Vor diesem Hintergrund erscheint es ratsam, dort zu investieren, wo die Gewinnschätzungen am ehesten realisierbar und gleichzeitig die Bewertungsniveaus akzeptabel sind. Gemäss Poppe zählen dazu Banken, der Gesundheitssektor und – für mutigere Anleger – die Automobilindustrie.

Quelle: AdvisorWorld.ch


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