Erstmals seit vier Jahren erleben die Aktienmärkte eine «Korrektur», die diesen Namen auch verdient……
Von Mikio Kumada, CIIA bei LGT Capital Partners
Es kann sein, dass die Volatilität kurzfristig hoch bleibt und sogar weiter steigt. Insgesamt bleibt das Makroumfeld jedoch freundlich, Chinas Wachstumsprobleme sind ein «alter Hut», während zinssensitive US-Sektoren seit einiger Zeit sehr gut laufen. Diese Faktoren deuten darauf hin, dass sich die Kräfte der Hausse relativ rasch zurückmelden werden.
Der S&P 500 verlor im Laufe der letzten Woche rund 10%. Ein vergleichbarer Einbruch wurde zuletzt zwischen dem 2. und 8. August 2011 verbucht, als der US-Index rund 13% verlor. Damals wurde das US-Kreditrating gesenkt, eine US-Rezession schien nahe, im Kongress tobte der Schuldenstreit und in Europa die Eurokrise. Diesmal beunruhigt der anhaltende Ausverkauf chinesischer Aktien, die anschliessende unerwartete Abwertung des Yuan und die Absicht der US-Notenbank, ihre Leitzinsen demnächst (ganz leicht) anzuheben. Kommt es diesmal anders als 2011? Steht uns jetzt eine Baisse bevor? Wir denken nicht – zumindest noch nicht.
Erstens wird Chinas globale Rolle eher übertrieben. Die US-Exporte nach China betragen nur 0.5% des US-Bruttoinlandsprodukts. Die Werte für Europa und Japan liegen bei 1% bzw. 2.5% – die Binnennachfrage ist in Industrieländern einfach weit wichtiger. Zudem wissen wir aus der Geschichte, dass globale Aktienhaussen anhalten können, selbst wenn das Wachstum sehr grosser Länder einbricht – wie etwa 1995, als Japans Stagnation begann, sowie 1980 und 1992, als Europa zyklische Rückschritte erlebte – und Japan war damals deutlich grösser als China, während Euroland natürlich weiterhin deutlich vor China liegt (siehe Seite 2).
China-Ängste sind übertrieben und dürften wieder verblassen
Hinzu kommt, dass sich nach den bisher fünf Zinssenkungen seit November die chinesische Konjunktur demnächst doch zumindest temporär stabilisieren dürfte. Die Daten enttäuschen schliesslich schon seit längerer Zeit – das kann man selten geradlinig fortschreiben. Eigentlich lag das Hauptproblem des vergangenen Jahres schliesslich darin, dass die Festlandinvestoren die Fundamentaldaten ignorierten und die Aktienbewertungen zu schnell auf unrealistische Niveaus trieben. Zudem sollten wir uns auch daran erinnern, dass Chinas CSI 300 immer rund 33% höher notiert als vor einem Jahr – d.h. der Vermögenseffekt dürfte also immer noch positive sein, wenn wir eine etwas weniger kurzfristige Perspektive betrachten. Gewiss: Die Bewertungen in China dürften wohl noch weiter sinken (wobei das bei steigenden Firmengewinnen auch in einem breiten Seitwärtstrend geschehen kann). China-bezogene globale Konjunkturängste sollten jedoch bald wieder in den Hintergrund treten – auch deswegen, weil Konjunkturenttäuschungen aus China letztlich einen «alten Hut» darstellen.
US Rate empfindliche Sektoren sind unter den Outperformer gewesen
Zweitens, was die US-Zinsängste betriff, zählen seit geraumer Zeit ausgerechnet die zinssensitiven Sektoren (Banken, Häuserbauer, Hypothekenvermittler und Immobilienaktien) zu den relative starken Segmenten des US-Marktes (z.B. der Häuserbausektor erreichte letzte Woche ein neues Zyklushoch). Nach mehr als sechs Jahren extrem expansiver Geldpolitik und Schuldenabbau scheint der Markt subtil die Gesundung des Kreditsystems zu signalisieren – was natürlich positive mittelfristige Konjunkturperspektiven eröffnen würde. Ähnliches können wir auch in Japan und Europa beobachten, wenn auch weniger deutlich, weil die Konjunkturzyklen dieser Länder schliesslich den USA hinterherhinken.
Einen konstruktiven Blick auf Märkten beibehalten
Selbstverständlich müssen wir natürlich stets unsere Einschätzungen hinterfragen und die Risiken angemessen steuern. Unsere Portfoliomanager haben auch zeitnah entsprechend gehandelt: So wurden Put-Optionen auf Aktienindizes gekauft, als die Volatilität niedrig war – und nach dem Anstieg der Volatilität zu deutlich höheren Kursen verkauft. Vorerst betrachten wir solche Gegenmassnahmen als ausreichend. Eine Revision der globalen Markteinschätzung werden wir allenfalls nach unserem umfassenden Quartalsstrategieprozesses im nächsten Monat vornehmen. Die Qualität der kommenden Erholung, die wir erwarten, wird dabei sicherlich einen wichtigen Faktor in unserer Neueinschätzung bilden.
Charts und zusätzliche Hintergrundinformationen
In den ersten zwei Grafiken zeigen wir den jüngsten Ausverkauf im S&P 500 in historischer Perspektive (Grafik links) sowie die er-wähnte relative Stärke zinsempfindlicher US-Aktiensektoren seit einigen Monaten (Grafik rechts). Was den S&P 500 betrifft, so wur-de aktuell erstmals seit August 2011 die 100-Tage-Durchschnittslinie (d.h. der mittelfristige Trend) erreicht. Die Tatsache, dass wir so lange keine grössere Verwerfung erlebt haben, verweist darauf, dass sich zu viel «Gelassenheit» unter Investoren «angestaut» hatte. Im Falle einer intakten Hausse dürfte die aktuelle Volatilität aber die Geister aufwecken, die Marktbereinigung beschleunigen und recht zügig zur Rückkehr der Bullen führen. Natürlich können wir auch nicht ausschliessen, dass es sich um den Anfang vom Ende des Bullenmarktes handelt. Vorerst gehen wir jedoch eher von einer Erholung aus – und die ersten Indizien sprechen für eine recht robuste «Gegenoffensive» der Bullen.

Anschliessend zeigen wir, dass Chinas Datentalfahrt schon sehr lange anhält (Grafik links) sowie die nominalen Bruttoinlandsproduk-te sehr grosser Volkswirtschaften in US-Dollar, relative zum nominalen BIP der USA (Grafik rechts). Die erste Grafik zeigt auf, dass die Geschäftsumfragen in China schon seit einem Jahr stetig talwärts zeigen, im Falle des Zyklusindikators sogar seit noch längerer Zeit. Die Tatsache, dass nun in den Medien vermehrt von enttäuschenden Konjunkturdaten in China die Rede ist, verweist darauf, dass hier primär «alte Hüte» wiederaufbereitet werden – das reduziert (mittelfristig) das Gewicht der Wirtschaftsdaten für die Märkte. Der Chart rechts soll hingegen aufzeigen, dass globale Aktienhaussen historisch selbst starke Einbrüche sehr grosser Volkswirtschaf-ten verkraftet haben – und sich anschliessend jahrelang fortsetzten. Dies war nach 1995 im Falle der grossen japanischen Stagnation der Fall. Aktien steigen auch nach den zyklischen Einbrüchen in Euroland 1980 sowie 1992 jahrelang weiter. Es gibt natürlich keine Anzeichen, dass Chinas BIP (relativ zum BIP der USA) demnächst in ähnlicher Weise stark einbrechen wird. Die Grafik soll nur aufzei-gen, dass die globale Aktienhausse selbst im schlimmsten Fall («Hard Landing» in China) durchaus weiter anhalten könnte.

Quelle: AdvisorWorld.ch
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