Ostrum AM : „Wir befinden uns mitten in einem Bruch, nicht in einem Übergang.“ Dies war die zentrale Botschaft von Mark Carney am Weltwirtschaftsforum in Davos.
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Von Philippe Waechter, Chefökonom bei Ostrum AM
In einer eindringlichen Rede positioniert sich der kanadische Premierminister als Stimme der sogenannten „middle powers“ in einer Welt tiefgreifender Umwälzungen. Seine Analyse ist klar: Das Austauschsystem, das während der Phase der Globalisierung der Weltwirtschaft aufgebaut wurde, hat zwar grundsätzlich allen genutzt, vor allem aber den Mächtigsten. Sie waren in der Lage, sich gezielt zu positionieren, strukturelle Vorteile zu schaffen und Machtverhältnisse zu ihren Gunsten zu gestalten.
Aus Carneys Sicht ist dieses Ordnungsmodell inzwischen kollabiert. Die grossen Mächte zögern nicht mehr, Druck auszuüben, Spannungen zu erzeugen oder Zwangsmassnahmen einzusetzen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen – nicht mehr jene des Kollektivs. Die weltweite Abhängigkeit von amerikanischen Technologien und Finanzinfrastrukturen oder von innovativen, aber stark subventionierten Produkten aus China ist offensichtlich. Hegemoniale Mächte können diese Realität kaum länger verschleiern, und die mittelgrossen Staaten können es sich nicht leisten, dauerhaft in Unsicherheit darüber zu leben, was in Washington oder Peking entschieden wird.
Für Carney ist es deshalb ein Denkfehler, weiterhin von einem „Übergang“ zu sprechen. Wer so argumentiert, gehe implizit davon aus, dass eine Rückkehr zum alten Modell noch möglich sei und die täglichen Schocks lediglich vorübergehend wären. Doch die Regeln gelten nicht mehr für alle gleich – und genau dies war ein zentrales Fundament jenes Multilateralismus, mit dem viele Länder gross geworden sind.
Wenn Regeln nicht mehr anerkannt oder respektiert werden, müsse neu gedacht werden – in Richtung strategische Autonomie. „Wenn die Regeln dich nicht mehr schützen, musst du dich selbst schützen“, so Carney. Mittelmächte müssten ein Gegengewicht schaffen, mit eigenen Regeln und eigenen Handlungsspielräumen. Sie müssten kollektiv bestehen, könnten dies aber nur, wenn sie individuell an Macht und Autonomie gewinnen.
Gleichzeitig warnt Carney vor den Kosten dieses Bruchs. „Eine Welt der Festungen wird ärmer, fragiler und weniger nachhaltig sein.“ Für Europa bedeute dies, sich von der Logik des Handels um jeden Preis zu lösen, während hegemoniale Mächte zunehmend auf Abschottung setzen. Um ihren Einfluss zu wahren, müsse Europa künftig stärker in Machtkategorien denken.
Mark Carney ist bekannt für seine pointierten Reden. Bereits 2015 machte er mit „The Tragedy of the Horizons“ auf die Notwendigkeit eines kollektiven Handelns im Kampf gegen den Klimawandel aufmerksam. Im Jahr 2026, so seine Botschaft, müsse die Weltwirtschaft nun im Lichte von Brüchen und Machtverschiebungen neu gedacht werden.
Der französische Philosoph Raymond Aron bezeichnete Geschichte einst als tragisch – nicht deterministisch und nicht linear. Carney hat dies verstanden. Seine Analyse ist beunruhigend, aber sie ist zugleich ein Aufruf an die mittelgrossen Staaten, zu handeln, um nicht zum Spielball der Hegemonen zu werden.
Quelle: InvestmentWorld
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