Allianz GI : Investoren erkennen zunehmend die attraktiven Perspektiven der neuen asiatischen Wirtschaftsmächte. Das in Schwellenländer- oder „Asien-ex-China“-Strategien verwaltete Vermögen ist auf über 12,5 Mrd. USD gestiegen.
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von Raymond Chan, ( foto) CIO Equity Asia Pacific, und Yu Zhang, Senior Portfoliomanager, bei AllianzGI
In dem Masse, in dem sich die wirtschaftliche Entwicklung Chinas und seiner asiatischen Nachbarn auseinanderentwickelt hat, haben sich auch ihre Aktienmärkte verändert. Wie Anleger profitieren können.
In den letzten Jahrzehnten ist China zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen, hat sich auf Innovation und Technologie konzentriert und seinen Aktienmarkt als eigenständige Anlageklasse etabliert. Doch im Schatten dieser phänomenalen Entwicklung sind andere Volkswirtschaften in Asien gereift und bieten nun ebenfalls interessante Chancen. Für Anleger scheint es an der Zeit, den Blick über China hinaus nach Asien zu richten.
Asien: Ein Kontinent der Megastädte und des wachsenden Wohlstands
Die Grösse Asiens ist schwer zu erfassen. Auf dem Kontinent leben rund 60 Prozent der Weltbevölkerung. Im Jahr 2050 wird die Bevölkerung Asiens so gross sein wie die Weltbevölkerung im Jahr 1990. Zwei Länder – China und Indien – machen 60 Prozent dieser Bevölkerung aus, aber sie befinden sich auf unterschiedlichen demografischen Pfaden. China hat eine alternde und schrumpfende Bevölkerung, während Indien mit 1,4 Milliarden Menschen China kürzlich als bevölkerungsreichstes Land der Welt überholt hat und eine junge und wachsende Bevölkerung aufweist.
Asien ist ein zunehmend urbaner Kontinent. Zwanzig seiner Städte haben jeweils mehr als 10 Millionen Einwohner. In China gibt es 23 Städte mit mehr als fünf Millionen Einwohnern, in Indien sind es derzeit sieben, bei denen die Verstädterung jedoch rasch voranschreitet. Aber nicht nur in China, Indien und Japan gibt es Megastädte. Weitere Metropolen sind Seoul, Manila, Taipeh, Bangkok, Jakarta, Singapur, Dhaka, Kuala Lumpur und Ho-Chi-Minh-Stadt.
Die Verstädterung geht in der Regel mit steigendem Wohlstand einher, und Asien ist bereits heute der grösste Verbrauchermarkt der Welt, sowohl in Bezug auf die Bevölkerung als auch mit Blick auf die Ausgaben. Es wird erwartet, dass bis 2030 zwei von drei Konsumenten weltweit Asiaten sein werden.
Doch während die ersten beiden Jahrzehnte dieses Jahrhunderts vom Aufstieg der chinesischen Mittelschicht geprägt waren, wird das laufende Jahrzehnt Südasien gehören. Investoren können davon ausgehen, dass die Mittelschichten Indiens, Pakistans und Bangladeschs bis 2030 eine Milliarde neue Konsumenten hervorbringen werden. Der wachsende Wohlstand Asiens spiegelt sich auch in seinem Finanzvermögen wider, das sich 2021 auf 180 Billionen US-Dollar belief und damit rund 40 Prozent des weltweiten Vermögens ausmachte.
Dynamik der asiatischen Volkswirtschaften über China hinaus
Die asiatischen Volkswirtschaften sind über China hinaus zu wichtigen Triebkräften des globalen Wachstums geworden. 2024 dürfte sie rund ein Drittel des globalen Wachstums ausmachen. Neben der demografischen Dividende ihrer (überwiegend) jungen Bevölkerung und der bereits erwähnten aufstrebenden Konsumentenbasis stützen weitere strukturelle Wachstumsfaktoren die Volkswirtschaften: eine Reorganisation globaler Lieferketten, Technologie sowie verstärkte Reformbemühungen.
Indien ist das Aushängeschild dieses neuen Asiens. Seine junge und dynamische Bevölkerung profitiert von einem MINT-orientierten Bildungssystem. Indische Informatiker und IT-Spezialisten sind über die Landesgrenzen hinaus gefragt und leiten grosse globale Technologieunternehmen. Darüber hinaus hat die indische Regierung ein ehrgeiziges Reformprogramm auf den Weg gebracht, das nicht nur darauf abzielt, den Geschäftsverkehr durch die Abschaffung des berüchtigten „Licence Raj“ zu erleichtern, sondern auch eine Infrastruktur von Weltklasse aufzubauen, um den Handel sowohl innerhalb des Landes als auch zwischen Indien und seinen Exportmärkten zu fördern. Indiens Anstrengungen werden zunehmend anerkannt. Ausländische Direktinvestitionen haben zugenommen, da globale Unternehmen eine „China + 1“-Lieferketten-Strategie verfolgen und Indien als Produktionsstandort in Betracht ziehen.
Die geopolitischen Spannungen in den Beziehungen zwischen China und den USA sowie die Störungen durch die Covid-Pandemie haben Unternehmen dazu veranlasst, Teile ihrer Lieferketten nach Südostasien zu verlagern. Vietnam, Malaysia und Indonesien haben von dieser Neuausrichtung besonders profitiert. Dies ist ein säkularer Trend, von dem nicht zu erwarten ist, dass er sich bald abschwächen wird. Vietnam spielt aufgrund seiner strategischen Nähe zu China eine immer wichtigere Rolle in der globalen Lieferkette: als kostengünstige, zuverlässige und qualitativ hochwertige Quelle für Teile, Materialien und Komponenten. Das Land entwickelt sich rapide zu einer Drehscheibe für Elektronik- und Textilprodukte. Malaysia, Indonesien oder die Philippinen locken Investoren mit politischer Stabilität und reformorientierten Regierungen. Diese Volkswirtschaften könnten besonders von den anhaltenden Handelsspannungen zwischen China und den USA profitieren. Da sie für den Handel mit beiden Blöcken offen sind, können sie die Kluft überbrücken, die zwischen den beiden grössten Volkswirtschaften der Welt entstanden ist.
Diese südostasiatischen Volkswirtschaften, aber auch Taiwan und Korea, profitieren weiterhin von einem günstigen Konjunkturzyklus, der von der Wiederauffüllung der Lagerbestände angetrieben wird. So ist etwa die taiwanesische Halbleiterindustrie in einen Erholungszyklus eingetreten. Der weltweite Boom der künstlichen Intelligenz begünstigt taiwanesische und koreanische Zulieferer von Hardwarekomponenten und Chipdesigner.
Ein weiterer Trend, den Investoren begrüssen werden, ist die stärkere Fokussierung auf Corporate Governance. So ist die politische Führung in Seoul bestrebt, den „Korea-Abschlag“ zu beseitigen, der infolge undurchsichtiger Governance-Praktiken den Aktienmarkt belastet hat. Eine konsequente Umsetzung ihrer „Aufwertungs-Agenda“ dürfte die Attraktivität erhöhen.
Und schliesslich wird das Thema Nachhaltigkeit in ganz Asien immer ernster genommen. In Bangladesch etwa stellen Bauern von der Hühner- auf die Entenzucht um, weil die Gefahr immer grösserer Überschwemmungen zunimmt, die der Klimawandel dem Land unweigerlich bescheren wird. In ganz Asien konzentrieren sich die Länder auf die Energiewende. Taiwan widmet sich dem Ausbau erneuerbarer Energien (Solarenergie, Offshore-Windenergie) in seinem Energiemix und schafft damit Wachstumschancen für Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette (z.B. für Hersteller von Schlüsselmaterialien und Komponenten). Traditionelle kohlenstoffintensive Industrien wie die Schifffahrt und die Luftfahrt werden durch die Einführung neuer Technologien und die Verwendung nachhaltigen Flugtreibstoffs dekarbonisiert, was den damit verbundenen Industrien zugutekommt.
Chancen für internationale Anleger
Investoren erkennen zunehmend die attraktiven Perspektiven der neuen asiatischen Wirtschaftsmächte. Das in Schwellenländer- oder „Asien-ex-China“-Strategien verwaltete Vermögen ist auf über 12,5 Mrd. USD gestiegen (Stand: Januar 2024). In dem Masse, in dem sich die wirtschaftliche Entwicklung Chinas und seiner asiatischen Nachbarn auseinanderentwickelt hat, haben sich auch ihre Aktienmärkte verändert. Indizes ohne China haben sich in den letzten drei Jahren besser entwickelt, was die Abkopplung Chinas von der Entwicklung in den anderen asiatischen Ländern verdeutlicht.
Anleger sollten diese Abkoppelung jedoch nicht als Ablehnung der chinesischen Aktienmärkte interpretieren. Vielmehr zeigt dies, dass sich China zu einer eigenständigen Anlageklasse entwickelt hat, die ihren eigenen wirtschaftlichen Trends folgt. Das Hinzufügen von Investments in „Asien ohne China“ dürfte daher die Diversifikation erhöhen und sich stabilisierend auf Portfolien auswirken.
Wie alle Anlagen in Schwellenländern sind auch Investments in Asien mit gewissen Risiken verbunden. Die asiatischen Volkswirtschaften profitieren zwar von den geopolitischen Spannungen zwischen China und den USA, sind aber auch anfällig für die Volatilität der chinesischen Wirtschaft und Veränderungen im US-Zinszyklus. Der Binnenkonsum wird eine wichtige Stütze für diese Volkswirtschaften sein, temporär könnte die Nachfrage in einigen Fällen aber hinter den Erwartungen zurückbleiben.
Investoren werden sich zunehmend der vielfältigen Chancen bewusst, die die asiatischen Länder jenseits von China bieten. Starke strukturelle Trends – eine günstige demografische Entwicklung, eine aufstrebende Mittelschicht, die Restrukturierung globaler Lieferketten und ein stärkerer Fokus auf Corporate Governance – unterstützen deren Wachstum und zunehmende Reife. Zudem werden Nachhaltigkeitsaspekte ernster genommen. „Asien ex China“ wird daher für Investoren immer attraktiver, auch für solche, die bereits in China investiert sind.
Quelle: InvestmentWorld.ch
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